Die Zeit läuft ab: In den nächsten zehn Jahren müssen die immer weiter steigenden CO2-Emissionen halbiert werden, sonst lässt sich der Klimawandel nicht mehr im Zaum halten.

Luftverschmutzung (Beispielbild) Die Erde ist wohl eine Scheibe … Es reicht langsam, wie offensichtlich Verrückte, skrupellose rechtspopulistische Staatslenker und mafiöse Firmenbosse aus Profitgier den Klimawandel leugnen und unseren Planeten, so wie wir ihn kennen, an den Rand des Abgrundes manövrieren. Dass die große Koalition unsere größten Dreckschleudern, die Braunkohlekraftwerke, erst im Jahr 2038 abschalten will und nach wie vor die betrügerischen Autokonzerne hofiert, überrascht dann auch nicht mehr. (Verzeihung, das musste jetzt raus, bevor man sich stoisch den erschreckenden Fakten zuwendet.) In unserem Zeitalter, dem sogenannten Anthropozän – jener Epoche, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren für die biologischen und klimatischen Prozesse der Erde geworden ist –, sind drei von neun planetarischen Grenzen bereits irreversibel überschritten: die des Klimawandels, die des Verlustes der biologischen Vielfalt und die des Stickstoffeintrages in die Biosphäre. Bald erreicht sind die Grenzen ebenso bei der Versauerung der Ozeane, beim Phosphoreintrag und bei der Veränderung der Landnutzung. In den Bereichen globale Süßwassernutzung und Abbau der stratosphärischen Ozonschicht wird es auch nicht mehr allzu lange dauern. 1 Der Mensch ist durch die Verbrennung fossiler Energieträger der entscheidende Verursacher der globalen Erwärmung. Diese hat insbesondere in den letzten 35 Jahren rapide zugenommen, und die Lage spitzt sich immer weiter zu. Die Jahre 2015 bis 2018 waren bisher die mit Abstand wärmsten seit Beginn der Temperaturaufzeichnung im 19. Jahrhundert. Für alle spürbar kommt es immer häufiger zu extremen Wetterereignissen wie Starkniederschlägen, heftigen Stürmen, Hochwasser, Dürren und außergewöhnlich langen Hitzeperioden mit Spitzentemperaturen von bis zu 50 Grad, wie zuletzt in Australien. Gebirgsgletscher ziehen sich zurück, das Meereis der Arktis und die nordpolare Schneedecke schmelzen in bislang nicht für möglich gehaltenem Tempo. Der Meeresspiegel steigt stetig um drei Millimeter pro Jahr, das Wasser der Ozeane erwärmt sich und versauert, da die Meere zu einem Teil das emittierte Kohlendioxid wieder aufnehmen. Die Konzentration der Klimagase Kohlendioxid (CO2), Methan (CH4) und Distickstoffoxid (N2O, Lachgas) in unserer Atmosphäre ist so hoch wie seit 800 000 Jahren nicht mehr. Da diese Gase unterschiedlich stark auf den Treibhauseffekt wirken, aber auch in ganz unterschiedlichen Mengen emittiert werden, spricht man (in Relation) zusammengefasst von Gigatonnen CO2-Äquivalenten (Gt CO2-eq). Im Jahr 2010 wurden beispielsweise weltweit 49 000 000 000 (49 Milliarden) Tonnen CO2-eq freigesetzt, die sich folgendermaßen auf die Wirtschaftssektoren verteilten: 32 Prozent Industrie, 24,9 Prozent Landwirtschaft und Forsten, 18,4 Prozent Gebäude, 14,3 Prozent Verkehr und 11 Prozent auf weitere Formen der Energienutzung. In den zurückliegenden 500 Millionen Jahren gab es bereits vier Warmphasen mit sehr stark erhöhten CO2-Konzentrationen in der Atmosphäre – das weiß man aus Bohrkernanalysen im Polareis. Aber niemals ist der Treibhauseffekt so schnell vorangeschritten wie jetzt. Die Vulkanausbrüche des Perm, also vor etwa 300 bis 250 Millionen Jahren, führten zwar zu gigantischen CO2-Einträgen und zu einem großen Artensterben, aber der atmosphärische Konzentrationsanstieg lag bei einem Zehntel des gegenwärtigen Tempos. Der Anteil von CO2 belief sich vor zweihundert Jahren auf 275 pro Million (ppm – Parts per Million), heute sind es bereits 405 ppm. Jedes Jahr kommen nun weitere 2 ppm hinzu, wobei eine Konzentration von 350 ppm als gerade noch verträgliche Höchstgrenze gilt. Eine notwendige Begrenzung der weiteren Erwärmung auf maximal 2 Grad in den nächsten achtzig Jahren kann mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit nur noch erreicht werden, wenn bis zum Jahr 2050 insgesamt ein Drittel des noch vorhandenen Öls, die Hälfte des Erdgases und mehr als 80 Prozent der Kohle im Boden bleiben. Ab dann muss vollständig Schluss sein mit diesen Emissionen, und die benötigte Energie darf nur noch aus Sonne, Wind und Wasser erzeugt werden. Werden die fossilen Ressourcen allerdings weiterhin in dem bisherigen Trend verfeuert, wird das Erdklima bis zum Jahr 2100 um 4 Grad steigen. Das kann kein Mensch ernsthaft wollen, denn dies würden 80 bis 90 Prozent der Weltbevölkerung ebenso wie die uns bekannte Fauna und Flora nicht überleben, schätzt selbst die Weltbank. Klimasünder Deutschland Nach aktuellen Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) sind die deutschen Treibhausgasemissionen zwischen den Jahren 1990 und 2017 um 28 Prozent gesunken. Das ist positiv, reicht aber bei Weitem nicht aus. Deutschlands Treibhausgasemissionen müssen bis zum Jahr 2020 um mindestens 40 Prozent und bis 2030 um mindestens 55 Prozent gegenüber den Emissionen von 1990 sinken, bis 2040 um 70 Prozent. Im Jahr 2050 soll dann weitgehende Treibhausgasneutralität erreicht sein. Das UBA betont ausdrücklich, dass ohne massive und rasche zusätzliche Anstrengungen die gesetzten Ziele definitiv nicht erreicht werden. Während der Energiesektor durch den mittlerweile erfolgten Ausstieg aus der Steinkohle und die vermehrte Nutzung erneuerbarer Energieträger die Emissionen deutlich reduzieren konnte, läuft der Verkehrssektor in eine völlig falsche Richtung: Er liegt mittlerweile sogar zwei Prozentpunkte über den Emissionen von 1990. Aber auch in der deutschen Metall- und Zementindustrie stiegen im Jahr 2017 die Emissionen gegenüber dem Vorjahr um 2,5 Prozent. 2 Doch es geht noch schlimmer: Der World Wide Fund For Nature (WWF) und die Brancheninitiative Erdgas haben die insgesamt noch erlaubten Emissionen im Rahmen der Klimaschutzziele von Paris auf nationale Jahresbudgets umgerechnet und kamen zu einem ganz anderen Schluss als das Umweltbundesamt: Demnach hatte Deutschland bereits Ende März 2018 sein CO2-Budget für das gesamte Jahr aufgebraucht und somit viermal so viele klimaschädliche Gase ausgestoßen, wie es rechnerisch vertretbar gewesen wäre. Da das Pariser Abkommen von 2015 nur weltweite Minderungsmengen in einem längeren Zeitraum berücksichtigt, gibt es keine verbindlichen Vorgaben, wie viel pro Staat und Jahr eingespart werden muss – dies liegt allein im Ermessen der einzelnen Länder. In dem Mitte November 2016 vom Bundeskabinett beschlossenen «Klimaschutzplan 2050 der deutschen Bundesregierung» wurden entsprechend den Pariser Vorgaben nationale und sektorale Minderungsziele bestimmt, die bis zum Jahr 2050 zu einer Reduktion von 90 bis 95 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 führen sollen. Aber bereits das erste Ziel für 2020 wird aller Voraussicht nach nicht erreicht und um 8 Prozent überschritten werden. Anfang Februar 2019 stellte Bundesumweltministerin Svenja Schulze dann den zuvor im Koalitionsvertrag vereinbarten Entwurf zu einem ersten deutschen Klimaschutzgesetz vor, das noch in diesem Jahr verabschiedet werden soll. Dies wäre ein wichtiger Meilenstein und wohl auch die letzte Chance, die Umsetzung der versprochenen nationalen Klimaziele noch in Angriff zu nehmen. Der Entwurf sieht für die Sektoren Verkehr, Landwirtschaft, Industrie und Gebäude jeweils eigene konkrete Emissionsbudgets vor. Die jeweils zuständigen Ministerien sind dann selbst dafür verantwortlich, dass die einmal festgesetzten Vorgaben fristgerecht eingehalten werden. Damit greift die Umweltministerin stark in die Hoheit der anderen Ministerien ein; groß ist daher auch das Wutgeheul. Die Klimaignoranten im Verkehrswesen und in der Gebäudewirtschaft müssten endlich anfangen, ernsthaft CO2 einzusparen. Die taz kommentierte diesen mutigen Vorstoß der bislang wenig erfolgreichen Ministerin treffend: «Sie hat alles auf Rot gesetzt. (…) Für Schulze ist das der einzige Weg, aber er ist hochriskant: Wenn das Klimagesetz in der jetzigen Form kommt, ist sie die erfolgreichste Umweltministerin seit langem. Wenn es verhindert oder gestutzt wird, muss sie zurücktreten.» 3 Das Ringen um konkrete klimafreundliche Schritte ist in Deutschland anscheinend ausgesprochen schwierig, und es besteht die regelmäßige Gefahr, von der Energielobby eiskalt über den Tisch gezogen zu werden. Aktuelles Beispiel sind die Verhandlungen über die Zukunft der Kohleindustrie und den Erhalt des letzten Restes des symbolträchtigen Hambacher Forstes: Insgesamt werden in Deutschland derzeit 45 Gigawatt Strom durch Kohlekraftwerke erzeugt, das entspricht rund einem Drittel der bundesweiten Einspeisung. Seit Mitte vergangenen Jahres arbeitete die von der Bundesregierung nur beratend eingesetzte Kommission «Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung» (Kohlekommission) an einem Plan für einen künftigen Kohleausstieg. Am 26.01.2019 veröffentlichte das 28-köpfige Gremium, dem Vertreter aus Industrie, Gewerkschaften, Umweltverbänden wie Greenpeace und BUND und der Wissenschaft angehörten, mit nur einer Gegenstimme seinen Abschlussbericht. Darin schlägt es vor, bis zum Jahr 2038 die Stromgewinnung aus Kohle zu beenden. Bis zum Jahr 2022 sollen Anlagen mit einer Leistung von über 12 Gigawatt abgeschaltet werden, was rund 24 größeren Kohleblöcken entspricht. Das sind 3 Gigawatt Braunkohle mehr, als bisher bereits vorgesehen waren. Im Jahr 2030 sollen dann noch höchstens 9 Gigawatt Braunkohle und 8 Gigawatt Steinkohle am Netz sein. In dem 336 Seiten umfassenden Bericht der Kommission geht es aber freilich nicht nur um CO2-Emissionen, sondern vor allem auch um Entschädigungszahlungen und Kompensationsprojekte. Welcher Geist offensichtlich dahintersteckt, beschreibt Jörg Sommer von der Deutschen Umweltstiftung in einem kommentierenden Beitrag: Er zählte ganze 149 Mal das Wort «Wachstum», davon 128 Mal in direktem Zusammenhang mit «Wohlstand» und/oder «Innovation» – und dies immer positiv, nie kritisch. Kein einziges Mal finden sich hingegen die Wörter «Suffizienz», «Anthropozän» oder «Verzicht». Sommer spricht daher von einem klaren Sieg der Lobbyisten und einem unübersehbaren Versagen der Kommission in ihrer Gesamtheit, womit er auch die Umweltverbände sowie die ansonsten kritischen Wissenschaftler meint. Er bringt das Problem auf den Punkt, wenn er schreibt: «Wer Wachstum als Voraussetzung für Wohlstand sieht, der sieht Umwelt- und Klimaschutz als Wohlstandsgefährdung. Dieses Denken ist nicht nur überholt, sondern Wurzel allen Übels.» Und weiter: «Wer sich ans Wachstumsmantra klammert, kann die globalen Probleme nicht lösen.» Man solle daher «zuallererst darüber nachdenken, wie (man) weiteres Wachstum wirkungsvoll verhindern kann». Wir stünden also gerade vor den Alternativen: Wachstum oder Wohlstand? 4 Klimaforscher warnen Der Trend weiter steigender Emissionen macht sich weltweit bemerkbar: Für das Jahr 2018 rechnen Klimaexperten mit einem globalen Anstieg der Emissionen um 2,7 Prozent. Der neue Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Johan Rockström, macht sich deshalb große Sorgen und zweifelt an der Wirksamkeit der 24 zurückliegenden internationalen Klimakonferenzen. Er mahnt: «Wir alle müssen jetzt aufhören herumzutrippeln; wir müssen unsere Schritte beschleunigen.» Das wäre auch dringend nötig, da sich das Zeitfenster für einen kalkulierbarenund noch beherrschbaren Klimawandel in den nächsten zehn Jahren immer weiter schließt. «Wie auch immer wir die Daten hin und her wenden, wir haben nur ein Jahrzehnt, um die CO2-Wende zu schaffen und die Menschen noch vor den größten Risiken des Klimawandels zu schützen», warnt Rockström. Es ist nach Ansicht der meisten Klimaforscher eben nicht so, dass Temperaturerhöhungen und der Anstieg des Meeresspiegels schrittweise eintreten werden. Es wird keinen sanften und allmählichen Übergang zu einer angenehm wärmeren Welt geben. Im Gegenteil: Auch geringfügige Veränderungen nur eines Klimaelements und das Überschreiten von Schwellenwerten können abrupt völlig unvorhersehbare und irreversible Folgen nach sich ziehen. Wo diese «Kipppunkte» genau liegen, kann heute kein Mensch sagen, nur vermuten. Klar ist aber, dass sich dann eine Eigendynamik in Gang setzt, die nicht mehr zu stoppen sein wird, auch wenn wir unsere Emissionen sofort auf null senken würden. Die American Association for the Advancement of Science fasste diese Erkenntnis bereits im Jahr 2014 in folgendem Bild zusammen: «Das wäre so, als würde eine Bremse einrasten und die Lenkung blockieren, so dass wir das Problem und seine Folgen nicht mehr unter Kontrolle haben.» Daher ist das Ringen um ein paar Prozentpunkte so entscheidend wichtig: Ob sich die Atmosphäre um 1,5 Grad, um 2 Grad oder sogar um 3, 4 oder noch mehr Grad erwärmt, ist ein himmelweiter Unterschied. In seinem Sonderbericht vom Oktober 2018 schreibt der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change, im Deutschen besser bekannt als Weltklimarat), dass jedes Zehntel Grad zählt und eine Begrenzung auf 2 Grad viel gefährlicher sei, als noch bei der Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens angenommen. Wenn sich die Atmosphäre «nur» um 1,5 Grad statt um 2 Grad erwärmen würde, so prophezeit der IPCC, würden nur halb so viele Menschen unter Wassermangel leiden, nur halb so viele Wirbeltiere und Pflanzen den Großteil ihres Lebensraumes verlieren und deutlich weniger Menschen an Hitze, Smog und Infektionskrankheiten sterben. Es könnte dann noch verhindert werden, dass die Eisdecke der Polkappen in eine unaufhaltsame Schmelze gerät, und die Korallenriffe könnten vor dem endgültigen Absterben bewahrt werden. Auch gäbe es auf der Welt wohl 2 Millionen Klimaflüchtige weniger. Der IPCC forderte daher «schnelle, weitreichende und beispiellose Änderungen in allen gesellschaftlichen Bereichen». Auf dem Klimagipfel in Katowice zwei Monate später führte dieser Appell übrigens zu hitzigen Diskussionen. Die Länder USA, Russland, Saudi-Arabien und Kuwait hatten es im Abschlussdokument abgelehnt, dass der Gipfel den IPCC-Report «begrüßt». Stattdessen wurde er in dem Kommuniqué lediglich «zur Kenntnis genommen». Der Klimaforscher Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel kommentierte die eindringliche Warnung des Weltklimarates mit Besorgnis: «Der Bericht heißt übersetzt, dass es bisher de facto gar keinen Klimaschutz gegeben hat. Das kann man auch daran ablesen: Seit sich die Weltpolitik dem Thema Klima widmet – seit Beginn der 1990er Jahre –, sind die weltweiten CO2-Emissionen förmlich explodiert. Sie sind um über 60 Prozent gestiegen.» Auf die Frage, ob wir das 1,5-Grad-Ziel noch halten können, meint Latif nüchtern. «Im Moment sind wir selbst bei optimistischer Bewertung der gegenwärtigen politischen Maßnahmen auf dem Weg in eine ‹Über-drei-Grad-Welt›.» Wer sind die Hauptverursacher? Ein in der Klimapolitik gern strapaziertes Paradigma besagt, dass sich der CO2-Fußabdruck von asiatischen Industrienationen und anderen Schwellenländern im letzten Jahrzehnt so stark erhöht habe, dass die alten Industrieländer prozentual gesehen gar nicht mehr entscheidend zum Klimawandel beitragen könnten. Betrachtet man nur eine Momentaufnahme, scheint das auch durchaus schlüssig: Im Jahr 2012 waren die USA nur noch für 13,9 Prozent der weltweiten jährlichen Treibhausgasemissionen verantwortlich, die 28 Staaten der EU zu 9,7 Prozent. Den höchsten Anteil hatte China mit 25,3 Prozent, gefolgt von Indien, Russland, Indonesien, Japan und Brasilien. Die am wenigsten entwickelten Länder (Least Developed Countries, LDCs) trugen derweil nur knapp 3,6 Prozent zu den Emissionen bei. Eine solche Betrachtungsweise ist aber täuschend und lenkt bewusst von den wahren Ursachen und Verursachern ab. Zunächst ist Kohlendioxid ein extrem lang wirkendes Klimagas – über Hunderte von Jahren. Eine seriöse Einschätzung der Wirkung auf die heutige und zukünftige Klimakrise kann man daher nur treffen, wenn man alle menschengemachten Treibhausgase seit der Industrialisierung kumuliert und zusammenrechnet. Die historischen Emissionen aus den Jahren 1850 bis 2012 gingen demnach zu rund 27 Prozent auf das Konto der USA und zu 11 Prozent auf das von China. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich, wenn man statt abstrakter Staatsvergleiche die Pro-Kopf-Emissionen heranzieht. Sie verdeutlichen die unterschiedlichen Auswirkungen der verschiedenen Lebensstile: Hier liegen die USA (2012) mit 16,2 Tonnen pro Kopf nach wie vor weit vorne, der Verbrauch ist mehr als doppelt so hoch wie in der EU und im bevölkerungsreichen China, das allerdings spätestens seit 2002 rapide aufholt. 5 Doch eine Betrachtung der durchschnittlichen individuellen Emissionen verschleiert die enormen Unterschiede zwischen Arm und Reich. Es gibt eben nicht nur deutliche Ungleichgewichte zwischen Industrienationen, Schwellenländern und LDCs, sondern auch zwischen den individuellen CO2-Fußabdrücken der Menschen in den Staaten selbst. Eine Studie von Oxfam aus dem Jahre 2015 6 besagt, dass letztlich rund 64 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen auf den persönlichen Konsum zurückgehen. Die restlichen 36 Prozent sind Konsumprozesse von Regierungen in den Bereichen Bauwesen, Infrastruktur, internationaler Verkehr und Militär. Der Großteil aller gekauften Produkte wird mithilfe fossiler Energieträger hergestellt und in Umlauf gebracht sowie früher oder später entsorgt. Damit ist nahezu jeder Einsatz von Arbeitskraft in irgendeiner Form mit der Produktion von Treibhausgasen verbunden. Ausgehend davon unterscheiden die Autoren des hervorragenden Hintergrundpapiers «Globale Klimakrise» von Germanwatch zwischen der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse für ein gutes Leben und einer ausgeprägten Konsumkultur. Es sei zu differenzieren und unterschiedlich zu werten zwischen «Luxusemissionen» und «Überlebensemissionen», beispielsweise von asiatischen Reisbauern. Sie kommen zu dem Schluss, dass die reichsten 10 Prozent für fast die Hälfte aller konsumbezogenen Treibhausgasemissionen verantwortlich sind, weitere 40 Prozent von einer wachsenden globalen Mittelschicht verursacht werden und die ärmsten 50 Prozent der Weltbevölkerung lediglich etwa 10 Prozent beisteuern. 7 Letztere leben vor allem in den unter dem Klimawandel besonders leidenden Regionen Afrikas und Asiens. Das Fazit: Die Superreichen und die auf der Gewinnerseite der Globalisierung stehende Hälfte der Weltbevölkerung verfeuern die fossilen Ressourcen unseres Planeten auf Kosten der armen Hälfte und unser aller Zukunft. Zur Ehrenrettung eines überwiegenden Teils der globalen Mittelklasse sollte aber auch hier differenziert werden, denn es herrschen erhebliche Reichtumsunterschiede: Die Vereinten Nationen subsumieren unter «Mittelklasse» alle Menschen, die ein tägliches Einkommen oder tägliche Ausgaben zwischen zehn und einhundert US-Dollar haben. Konzerne sind die größten Klimakiller Wenn von Klimasündern die Rede ist, individualisiert man gerne und zeigt auf SUV-Fahrer, Trockenschleuderer und Luxuskreuzfahrer. Diese überflüssige Lebensweise ist aber nichts im Vergleich zu den wahren Luftverpestern. Das Geschäftsmodell vieler Großkonzerne basiert gerade auf klimaschädlichen Praktiken und Produktionsprozessen, für deren Folgekosten sie aber nicht aufkommen wollen. Sie bürden den Schaden der Allgemeinheit und der ökologischen Mitwelt auf. Die Abfallprodukte werden quasi in die Atmosphäre gekippt. Eine Studie von Richard Heede aus dem Jahr 2014 8 listet auf, wer diese neuen Dinosaurier des seinem Ende entgegentaumelnden Carbonzeitalters sind: fünfzig privatwirtschaftliche Konzerne, 31 Staatskonzerne und neun zentralistische Staaten, die selbst als Produzenten auftreten oder traten. Der Leiter des Climate Accountability Institute in Colorado untersuchte dazu die «Carbon Majors», die zwischen 1854 und 2010 für die meisten CO2- und Methanemissionen auf der Welt verantwortlich waren. Bis auf sieben Unternehmen, die Zement herstellen, sind alle Öl-, Gas- und Kohleunternehmen. Zusammen produzierten sie ungefähr zwei Drittel der anthropogenen Treibhausgasemissionen im genannten Zeitraum. In den letzten Jahren ist ihre Treibhausgasproduktion unverändert geblieben – dabei hätte sie jährlich um 3 Prozent sinken müssen, um im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens zu bleiben. Die sechs größten Emittenten dieses Clubs der neunzig mit allein 16,72 Prozent heißen der Reihe nach: Chevron (USA), Exxon-Mobil (USA), Saudi Aramco (Saudi-Arabien), BP (UK), Gazprom (Russland) und Royal Dutch/Shell (Niederlande). Zum Vergleich: Der deutsche RWE-Konzern und seine Vorgängerunternehmen haben zu 0,47 Prozent auf das Klima eingewirkt – auch nicht schlecht, aber noch nicht ausreichend für die Top 20. Nicht zu unterschätzen ist auch die Agrarindustrie, die viel zu selten im Fokus der Klimabetrachtungen steht, obwohl die Vereinten Nationen davon ausgehen, dass die Viehwirtschaft für knapp 15 Prozent des Problems verantwortlich ist. Die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne kommen zusammen auf einen höheren Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase als die größten Ölmultis. Allem Anschein nach haben sie auch jahrelang ihre Ökobilanzen geschönt und falsche Angaben gemacht. Eine neue Studie der Umweltorganisation Grain und des agrarkritischen Institute for Agriculture and Trade Policy belegt dies. Die Gutachter haben nach Angaben der taz 9 die direkten Emissionen aus Molkereien und Schlachthöfen der 35 weltgrößten Agrarunternehmen analysiert und darüber hinaus geschätzt, welche Emissionen zusätzlich durch die Aufzucht der Tiere, Landnutzungsänderungen, den Methanausstoß und die Gülleproduktion entstehen. Diese meist verschwiegenen Klimaposten der Lieferkette unserer Steaks und Schnitzel machen bis zu 90 Prozent der Klimabilanz aus. Der weltweite Fleischkonsum ist damit ein wesentlicher Faktor der Klimakatastrophe und muss, nicht zuletzt auch aus gesundheitlichen Gründen, mindestens um die Hälfte reduziert werden. Statistisch werden pro Kopf heute 37 Kilo Fleisch weltweit verzehrt, im Jahr 2030 sollen es schon 48 Kilo sein. Der Verbrauch müsste aber sofort auf 16 Kilo sinken, wenn die Klimaziele von Paris noch erreicht werden sollen. Systematische Täuschung und Verschleppung Welchen Einfluss die Energiegiganten auf die öffentliche Meinung ausüben, beschreibt der amerikanische Klimaaktivist Bill McKibben am Beispiel des weltgrößten Ölkonzerns Exxon. 10 McKibben wirft Exxon systematische Täuschung aus Profitgründen sowie die Blockade und Verschleppung notwendiger Veränderungen vor. Die Strategie der Vernebelung der öffentlichen Sicht auf die Klimaforschung hat sich in den USA als äußerst wirksam erwiesen: Noch im Jahr 2017 war fast 90 Prozent der US-Amerikaner nicht bekannt, dass über die Erderwärmung längst ein wissenschaftlicher Konsens bestand. Bei Presserecherchen im Jahr 2015 kam heraus, dass Exxon bereits seit vierzig Jahren wusste, dass seine Produkte zum Klimawandel beitragen, und das Unternehmen hierzu auch jahrelange Studien betrieben hatte. McKibben ist der Überzeugung, «hätten Exxon und andere Ölkonzerne ihr Wissen an die Öffentlichkeit weitergegeben, würde die Erdgeschichte heute ganz anders aussehen: Der Klimawandel wäre als Problem wohl nicht gelöst, aber die Krise würde höchstwahrscheinlich schon abklingen.» Im Oktober 1997, zwei Monate vor Beginn des Kyoto-Gipfels, trat der World Petroleum Congress in Peking zusammen. Exxon-Vorstandschef Lee Raymond, der selbst vorher die Forschungsabteilung geleitet hatte, behauptete in seiner Rede wider besseres Wissen, dass sich die Erde faktisch abkühle: Der Gedanke, die Reduktion fossiler Brennstoffabgase könne sich positiv auf das Klima auswirken, widerspreche dem gesunden Menschenverstand. Nachdem sich im Dezember 1997 in Kyoto die Industriestaaten dennoch auf ein erstes Klimaschutzabkommen verständigt hatten, drang die Erdöllobby in den USA jahrelang auf den politischen Boykott jeglicher Klimaverantwortung. Neun Tage nach der Amtseinführung von George W. Bush besuchte Raymond Ende Januar 2001 seinen alten Freund Dick Cheney, der gerade US-Vizepräsident geworden war. Kurz zuvor war dieser noch Vorstandsvorsitzender des Öldienstleisters Halliburton gewesen. Cheney forcierte nach dem 11. September den Angriffskrieg auf den Irak und sicherte seinem ehemaligen Arbeitgeber Milliardengeschäfte mit den dortigen Ölquellen. 11 Nach dem Treffen mit Raymond brachte er Bush von seinem Wahlversprechen ab, Kohlenstoffdioxid als Luftschadstoff einzustufen. Raymonds Nachfolger bei Exxon war Rex Tillerson, der unter Trump kurze Zeit als Außenminister fungierte. Auf seiner letzten Hauptversammlung als Konzernchef im Jahr 2016 sagte er zynisch: «Die Welt wird weiterhin fossile Treibstoffe nutzen müssen, ob ihr das gefällt oder nicht.» Mitte 2017 kündigte Donald Trump den Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen an, und im Februar 2018 teilte US-Energieminister Rick Perry schließlich mit, die USA würden ihre Kohlenstoffemissionen bis zum Jahr 2050 nicht senken. Wenn dies wirklich so geschieht, dann brauchen die USA allein das gesamte weltweit noch verbleibende Kohlenstoffbudget auf, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Nach Ansicht von McKibben steht fest, «dass uns die Kampagne der Konzerne um die Bemühungen einer ganzen Generation gebracht hat, die im Kampf gegen den Klimawandel vielleicht den Ausschlag hätte geben können». Der neue übergreifende Generationskonflikt Seit Ende letzten Jahres erhebt sich überraschend ein weltweiter Jugendprotest mit regelmäßigen Schulstreiks und Demonstrationen gegen die Klimakatastrophe. Ins Leben gerufen hat die Bewegung «Fridays For Future» die 16-jährige Schülerin Greta Thunberg aus Schweden, und Hunderttausende Schülerinnen, Schüler und Studierende machen mit, auch in Deutschland. Sogar ein Motivwagen im Düsseldorfer Karneval war ihr gewidmet: Zwischen Daumen und Zeigefinger hält Greta die Elterngeneration am Ohr, die in dieser erniedrigenden Situation nicht gerade fröhlich aussieht. Haben wir es mit einer neuen Jugend- und Studierendenrevolte zu tun, möglicherweise mit einer Renaissance der 68er-Bewegung? Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie von der Uni Gießen sieht bei aller Sympathie doch Unterschiede: «Damals waren die Ansprüche, sozusagen die gesamte Welt zu verändern. Heute sind die Ansprüche, die Welt zu retten, so wie sie ist. Damals hatte man sehr viel stärkere positive Erwartungen an die Zukunft – in dem Sinne, dass man geglaubt hat, dass man die Welt gerechter gestaltet, dass man sie gleicher macht.» Gut, das ist nun nicht geschehen, und meistens ist der Kampf um das Bewahren eines besseren Zustandes auch der erste Schritt in Richtung möglicher Veränderungen. Viele Transparente des weltweiten Aktionstages am 15. März zeigten dementsprechend Parolen wie diese: «Der Hauptfeind steht im eigenen Land: VW, RWE, AFD, CDU & SPD» und «System Change, not Climate Change». Mehr als 300 000 junge Leute in über 230 Städten beteiligten sich nach Schätzungen der Veranstalter allein in Deutschland an den Aktionen. Leggewie sieht daher auch einen übergreifenden Generationskonflikt hinter dem Klimaprotest: «Es ist weniger das Thema Klimaschutz als die Tatsache, dass so wenig passiert ist. Es ist ein Widerstand gegen die Passivität der Politik und auch gegen ihre Kurzsichtigkeit, ihren Präsentismus, ihre Gegenwartsfixierung. Greta Thunberg und viele mit ihr haben verstanden, dass hier eine ältere Generation auf Kosten der jungen Leute lebt, nicht handelt und Dinge, die unbedingt zu tun wären, einfach immer wieder aufschiebt.» 12 Dass es heute nicht um systemüberwindende Revolten geht, sieht auch die bekannte amerikanische Kapitalismuskritikerin Naomi Klein und schlägt eine alternative Strategie vor: «Im großen Maßstab denken, ganz tief unten ansetzen und die ideologischen Pfähle weit weg vom erdrückenden Marktfundamentalismus einschlagen, der sich als größter Feind für das Wohlergehen der Erde entpuppt hat. Wenn wir den kulturellen Kontext nur ein kleines bisschen verschieben können, tut sich ein winziger Spielraum für vernünftige Reformen auf, durch die sich der Kohlendioxidanteil in der Luft zumindest in die richtige Richtung bewegen würde.» 13 Der Countdown für das Einhalten des 1,5-Grad-Zieles ist aber höchstwahrscheinlich schon abgelaufen. Die protestierenden Jugendlichen müssen sich in ihrem späteren Arbeitsleben wohl oder übel auf eine Welt jenseits der 2-Grad-Erhöhung einstellen. Wie diese Welt dann aussehen wird, kann man zum heutigen Zeitpunkt nicht genau sagen, aber sicherlich wird es keine bunten Schmetterlinge, tirilierenden Lerchen, Blumenwiesen und idyllischen Strände mehr geben. Trotzdem: Aufgeben gilt nicht, sagt Klimaaktivist McKibben: «Diese gigantische Schlacht ist noch nicht entschieden: Sollten wir das 2-Grad-Ziel verfehlen, werden wir gegen einen Anstieg um 3 Grad kämpfen, und dann gegen den um 4 Grad. Der Weg im Fahrstuhl zur Hölle ist lang.»

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